· 

Kurzform: Mechanismus der Angst und der Unterschied zwischen 'Sorge' und 'Angst'

 

Auch wenn wir Angst stark emotional und auch besonders körperlich spüren, liegt ihr Ursprung in Gedanken.
Angst entsteht im Kopf. Die Gedanken können aus unterschiedlichen Quellen gespeist werden, z.B. aus vergangenen Erfahrungen und Erlebnissen, aus Erinnerungen, aus Überzeugungen und Glaubenssätzen, die wir sowohl selbst gebildet haben oder von anderen Menschen und Gruppierungen übernommen haben, aus Fantasievorstellungen.

 

Gedanken erschaffen innere Bilder, deren Natur es ist, Träger von emotionaler Energie zu sein. Somit folgen die emotionalen Aspekte der Angst den Gedanken. Diese Abfolge lässt letztlich den Körper reagieren.

 

Hier einmal eine Aufreihung von körperlichen und psychischen Symptomen von Angst, ohne auf Vollständigkeit zu bestehen:

 

Herzrasen, beschleunigte Atmung, aber auch Atemnot, Schweißausbrüche, Kloßgefühl im Hals oder zugeschnürter Hals, Zittern, Herzbeschwerden, Störung von Blasenfunktion und Verdauung, Übelkeit, Schwindel, Bluthochdruck, Schlaf-störungen, Appetitlosigkeit aber auch Heißhunger, gestörte Sexualfunktionen, Muskelverspannungen, Wortfindungs- und Formulierungsstörungen usw.

 

Gefühl von ständiger Bedrohung, starke bis überstarke Sicherungstendenzen, Fluchttendenzen, chronische Sorge, Nervosität, Unruhe, Fahrigkeit, Aggressivität, Entscheidungsschwäche, fortwährendes Kränkeln, Weinerlichkeit, schnelle Ermüdbarkeit und allgemeines Schwächegefühl, Mut- und Hoffnungslosigkeit. Grübeln über Vergangenheit und bzgl.
Zukunft usw.

 

Es ist klar zu erkennen, dass alle diese Eigenschaften das Leben ausbremsen und blockieren, anstatt weiterzuführen und Probleme zu lösen.

 

Angst hat zum Inhalt, dass sie ohne Ausnahme die negative Entwicklung einer Angelegenheit im Fokus hat. Und sie ist durchweg  auf die Zukunft gerichtet – auf eine weiter entfernte Zukunft oder auf den nächsten Augenblick.  Sie richtet sich auf das, was kommen könnte. Ob jenes tatsächlich geschehen wird, können wir jedoch nicht wissen, da wir nicht in die Zukunft sehen können. Daher steht die Wahrscheinlichkeit, dass wirklich das eintreffen wird, was die Angst behauptet,  rein rechnerisch zunächst mal 50:50. Dabei ist sehr häufig im Nachhinein zu erkennen, dass das Verhältnis für eine gute Entwicklung von vornherein tatsächlich sehr viel besser stand als 50 Prozent. Wir legen aber widersinnigerweise viel eher unser Gewicht auf die negativen 50 Prozent, so wie es die Angst prophezeit, anstatt auf die 50 Prozent der Möglichkeit einer positiven Entwicklung.

Kein Mensch hat bisher eine Angst erlebt, die Positives vorausgesagt hat. Ist es dann nicht regelrecht töricht, wenn wir durch die Einflüsterungen der Angst automatisch und ständig auf die negative Seite blicken anstatt hoffnungsvoll auf die positive?! - Hier heißt es, sich ganz bewusst zu entscheiden: "Ab sofort will ich darauf achten, wohin mein Blick geht, welcher Stimme ich mehr Gehör schenke" und dies einzuüben. Zu bedenken ist dabei auch, dass Angst schwächt und Energie abzieht. Der Blick auf die Hoffnung, ja auf den Wunsch, nach einem positiven Ausgang, führt in die Kraft und fördert hilfreiche Eigenschaften wie Geduld, Gelassenheit und Kreativität, je nachdem, was die gegebene Situation gerade erfordert.

 

Des Weiteren bedeutet Angst zu haben:

 

Angst taucht auf, wenn wir glauben, keinen direkten Einfluss auf eine Situation zu haben. Wir sind außerdem der Meinung, nicht ausreichend Mittel oder Stärke zu besitzen, um mit der gegebenen Lage umgehen zu können. Verbunden damit ist, dass wir glauben, dass ein Verlust, Schaden oder Misserfolg unausweichlich eintreten wird. Wir sehen also etwas als bedroht an, das uns sehr wertvoll ist.

(An den Worten 'glauben', die 'Meinung haben' können wir wiederum sehen, dass Angst eine Kopfsache ist.)

 

Da Angst ausschließlich Negativität und Einschränkung mit sich bringt, kann schon allein das Wort ‚Angst‘ Angst machen.

Deshalb ist es besser zu sagen: „Ich mache mir Sorgen, dass …“ anstelle: „Ich habe Angst, dass ...“, wenn eine Situation eingetreten ist, deren Ausgang ungewiss ist. Denn das Wort Sorge hält neben einem negativen Ausgang eben gerade auch eine positive Entwicklung für möglich! Ja, die Sorge schaut viel eher auf die positive Entwicklung im Gegensatz zur Angst.

Eine sprachliche Verbindung macht das deutlich: Wenn wir für jemanden sorgen, tun wir alles, damit es ihm gut geht oder wieder besser geht. Wir strengen uns also an, eine gute Entwicklung zu ermöglichen. Mit Angst ist das ungemein viel schwieriger oder geht überhaupt nicht, da Angstzustände uns blockieren.

Das Wort ‚Sorge‘ hängt mit ‚sorgen und Fürsorge‘ zusammen; das Wort ‚Angst‘ aber mit Enge. Deshalb sollten wir uns in unsicheren Situationen nicht ängstigen sondern Sorge dafür tragen, dass sich alles in eine bessere Richtung bewegt.

 

Der Mensch ist ungemein kreativ, wenn er will. Angst blockiert die Kreativität und jenes rationale Denken, das wir zur Auf-lösung einer Situation brauchen. Sorge regt die Kreativität an, da ein positiver Ausgang unbedingt erwünscht ist. Wenn es uns aufgrund der Umstände (nicht aus Angst) nicht möglich ist, aktiv zu handeln, dann hält die Sorge doch zumindest unser Hoffen und unsere positive Ausrichtung der Gedanken aufrecht im Gegensatz zur Angst.

 

Angst und ihre „Kinder“, die vielen spezifischen Ängste, sollen deshalb nicht als selbstverständlich hingenommen werden, denn sie basieren auf sinnlosen und überflüssigen Gedanken.

 

Wenn wir Ängste loswerden wollen, müssen wir uns mit unseren inneren Einstellungen und Gedanken auseinandersetzen,  am Besten in Zeiten, in denen wir einmal weniger ängstlich sind.

 

Ansonsten ausführlicher über Angst im Artikel „Angst verstehen – Angst auflösen – Wieviel Angst ist wirklich nötig?“
und "Praktische Hinweise zur Angstbewältigung" in diesem Blog.

 

Eine Ergänzung noch:

 

Häufig wird davon gesprochen, dass Angst zwar ausnahmslos negativ ist, aber an einer Stelle doch positiv bzw. „gesund“.  Hier ist von der sogenannten biologischen Angst die Rede, die ein Automatismus ist, der unsere körperliche Unversehrtheit schützen soll, wenn wir erkennen, dass wir uns in einer gefährlichen Situation befinden.


Hier von positiver Angst oder gesunder Angst zu sprechen ist jedoch nicht hilfreich, denn eigentlich benötigen wir in Gefahrensituationen ausschließlich eine erhöhte Aufmerksamkeit, um einen negativen Ausgang verhindern zu können. Hätten wir hier nämlich Angst in eigentlichem Sinne, dann hätten wir nur den negativen Ausgang im Blick, was schnell zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung führen kann, da man sich dann unsicher und blockiert fühlt und dadurch möglicher-weise die negative Entwicklung geradezu provoziert.

 

Ein einfaches Beispiel: Angreifer - ob Tier oder Mensch - werden eher in die Flucht geschlagen, wenn wir stark auftreten und uns nicht von ihnen irritieren lassen. Wenn ein Tier oder Gewalttäter spürt, dass wir Angst haben, fühlt es/er sich in der stärkeren Position und erst recht dazu animiert gewalttätig zu werden.

 

Mit 'Sorge' bezüglich einer unklaren Situation aktivieren wir eine erhöhte Aufmerksamkeitslage, die uns ein Handeln ermöglicht - körperlich oder verbal. Auf diese Weise haben wir eine bessere Ausgangssituation für die Auflösung. Denn dann springen Einfallsreichtum, Verantwortungsgefühl und Mut an, um eine gefahrenvolle Situation zum Guten hin auflösen zu können.

 

 © Ruth Scheftschik