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Praktische Hinweise zur Angstbewältigung

 

a. Gedanken über Tod und Endlichkeit

 

Da uns nun bewusst ist, wie sehr alle Ängste mit der Todesangst verbunden sind ( siehe erster Beitrag zur Angstbewältigung ) , ist es von großem Nutzen, sich Gedanken über die persönliche Einstellung zu Tod und Endlichkeit zu machen. Wenn wir dahin kommen können, ruhig und gelassen den Tod zu akzeptieren, ihn nicht mehr zu fürchten und ihn nicht mehr aus unserem Leben auszugrenzen, kann dies mit der Zeit allen Ängsten die Kraft entziehen. Der regelmäßige Blick auf den Tod soll uns nicht ängstigen, sondern soll Anlass dafür sein, unsere Lebenszeit bewusst wahrzunehmen und als wertvoll zu betrachten, um sie mutig, kraft- und sinnvoll zu gestalten, solange es möglich ist. Und hierbei ist die Angst nur hinderlich.

 

b. Kopf-Kino Angst

 

Ein ganz entscheidend wichtiges Hilfsmittel ist, uns immer wieder deutlich zu machen, dass die Angst weitgehend „Kopf-Kino“ ist; der Auslöser von Angst Gedanken sind.
Es geht darum, wenn Angst zu spüren ist, ihr nicht einfach vorbehaltlos zu folgen, sondern innezuhalten - regelrecht einen Stopp zu setzen - und in sich hineinzuspüren, um die Gedanken identifizieren zu können. Als nächstes sollten wir uns um eine realistische  Sichtweise einer angstauslösenden  Situation bemühen; d.h. die Einflüsterungen der Angst einem Realitätscheck zu unterziehen.  Unmittelbar danach  gilt es, nach einer positiven Gegenperspektive Ausschau halten und in diese Richtung zu blicken.
Es gibt keine Regel, die besagt, dass ein Ereignis, das derzeit auf seine Realisierung wartet, automatisch eine negative Entwicklung nehmen muss. Das negative Ergebnis existiert nur als Möglichkeit in den Gedanken. Also sollten wir auch ein positives Ergebnis
in Betracht ziehen. Denn dann steht es rein logisch-rechnerisch betrachtet bezüglich des Ausgangs zumindest  50:50. Mit diesem Verhältnis können wir uns mehr entspannen, was einem positiven Ausgang förderlich ist.

 

Wir sollten ebenso grüblerische Gedanken bezüglich der Zukunft vermeiden. Sie haben die Eigenschaft, sich ständig im Kreis zu drehen und somit zu keinem Ergebnis zu führen. Somit öffnen sie der Angst die Türen. Zielsetzungen für die Zukunft sind wichtig. Aber dann sollten wir uns jeden Tag immer wieder hauptsächlich darauf fokussieren, was in der Gegenwart gerade zu tun und möglich ist!

 

c. Dialog mit sich selbst

 

Eine Möglichkeit, Ursachen von Ängsten auf die Spur zu kommen, kann ein mitfühlender Dialog mit sich selbst sein. Wenn wir Angst aufsteigen spüren, reden wir mit uns wie mit einem Kind oder wie mit Freund oder Freundin: „Da ist Angst. Meine Liebe/mein Lieber, was ist mit dir? Was macht dir so zu schaffen? In welchem Konflikt befindest du dich gerade. Wie sieht er aus? Was arbeitet da gerade in dir? Was verunsichert dich?“ Es ist von Wichtigkeit der Angst einen Namen geben zu können. Dann wissen wir, mit was genau wir es zu tun haben. Wie sollen wir mit etwas umgehen, was wir nicht kennen? Angst und Ängste zu benennen und dies durchaus laut auszusprechen - auch sich selbst gegenüber-, schafft innerlich schon ein bisschen mehr Raum und nimmt einen Teil der ängstlichen Anspannung. Zudem läßt sich die Angst-Stimme in unserem Kopf deutlicher identifizieren. Wir können besser erkennen, dass der Auslöser für die Angst die Gedanken sind, die dann erst die Szenarien von inneren Bildern entstehen lassen, welche die Angst verstärken.

 

d. Suche nach gelungenem Leben

 

Lohnenswert ist es, sich an bisherige Lebenssituationen zu erinnern, deren Ausgangslage schwierig war und die dennoch - durch
unsere Beteiligung oder auch von alleine - eine gute Entwicklung genommen haben. Auch sollten wir uns offen und ehrlich diejenigen Situationen vor Augen führen, bei denen Angst überflüssig war, weil die von ihr prophezeiten negativen Folgen nicht eingetreten waren.

Sehr hilfreich ist ebenso, sich bewusst zu machen, was alles uns im eigenen bisherigen Leben bereits gelungen ist. Das führt uns in die eigene Stärke und zu Selbstbewusstsein, sodass der Mut gestärkt wird.

 

e. Das eigene Leben leben

 

Angst kann auch viel damit zu tun haben, dass ich zu wenig mein eigenes Leben lebe; dass ich meiner Identität und meiner Individualität zu wenig Entfaltungsraum zugestehe. Dass ich mich abhängig von anderen Menschen mache, dadurch dass ich mich zu sehr nach diesen ausrichten und deren Urteil überbewerte. Dass ich mich zu sehr auf sie beziehe;  dass ich zu sehr mein Glück durch sie erhoffe. Dadurch gebe ich mich ein ganzes Stück weit selbst auf. Unbewusst erinnert mich dieses Aufgeben meiner eigenen Identität an Auslöschung (Tod). Das macht Angst. Man sollte sich klar machen, dass nicht jeder Mensch, auf den ich mich beziehe, mir immer zuverlässig und dauerhaft zur Verfügung steht. Es gibt viele Gründe, warum sich Menschen aus einer Beziehung zurückziehen.

Deshalb sollte ich meine Stabilität innerhalb von mir selbst finden. Eine gute Beziehung zu mir selbst ist die zuverlässigste und
treueste Verbindung, die es gibt.

 

Ähnlich ist es, wenn ich mich selbst zu wenig kenne, wenn ich zu wenig weiß, wer ich eigentlich bin, was ich tatsächlich kann, fühle, denke, wünsche. Normalerweise meinen wir zu wissen, wer wir sind. Wenn dann aber etwas tiefer nachgefragt wird, fehlen schnell die Antworten. Wenn ich mir meiner selbst nicht sicher bin, bin ich mit mir selbst nicht recht verbunden und habe weder Vertrauen in mich noch in die Welt. Daraus entstehen Schwierigkeiten dabei, mit den Anforderungen des Lebens zurechtkommen zu können, was mit  Ängsten verbunden ist.

Mit sich selbst verbunden zu sein, führt in die eigene Stärke und vermindert so die Angriffsfläche für Angst. Mich auf die Suche nach mir selbst zu machen, mich nach dem zu fragen, was in mir steckt, mich damit vertraut zu machen und es zur Sprache zu bringen, führt zu einem stabilen Selbstgefühl und zu Selbstvertrauen.

Seinen eigenen Weg zu gehen, sein Eigenes zu leben, gibt dem eigenen Leben inneren Halt und Sinn.

 

f. Den Rhythmus des Lebens erkennen und anerkennen

 

In den Jahrzehnten, in denen die Technik sich in rasantem Tempo entwickelte, haben wir neben der natürlichen Welt eine künstliche Parallelwelt erschaffen, die unseren heutigen Alltag bestimmt. Die Natur hat weitgehend nur noch eine sekundäre Bedeutung als Erholungswert. Ansonsten dient sie zur Produktion von Nahrungsmitteln und zur Lieferung von Bodenschätzen und sonstigen Materialen, die wir weiterverarbeiten. Sie wird benutzt und ausgebeutet. Wir haben uns zum größten Teil aus dem Rhythmus der Natur herausgenommen und uns unseren eigenen geschaffen. Wir arbeiten nachts, schlafen teils tagsüber, verbringen viel Zeit in virtuellen Welten, bewegen uns verhältnismäßig wenig, halten uns hauptsächlich in geschlossenen Räumen auf; wir essen unregelmäßig und ungesund - nur um ein paar Beispiele zu nennen. Unser Körper konnte bislang dieser Entwicklung jedoch nur oberflächlich folgen.
Tief in unseren Zellen ist aber noch weitgehend die natürliche „Takt“frequenz abgespeichert.
So existieren wir in zwei Welten mit unterschiedlichen Rhythmen.  Auch der Spagat zwischen diesen beiden Welten ist ein Nährboden für Angst. Tief in uns spüren wir
noch die Verbindung zur Natur und unsere Sehnsucht nach
ihren ausgewogenen Rhythmen. Auf der anderen Seite leben wir aber entgegen den natürlichen Rhythmen. Wir dürfen uns nicht wundern, dass in infolgedessen die medizinischen und psycho-therapeutischen Praxen voll und Termine erst nach einigen Wochen zu erhalten sind.

 

Um Ängste zu verringern, gilt es, das eigene Leben daraufhin durchzusehen, an welchen Stellen es möglich ist, den natürlichen Prozessen des Lebens etwas mehr Raum zu geben. Die Aussage „weniger ist oft mehr“ ist keine bloße Floskel sondern eine Lebensweisheit, die auf Erfahrung basiert!  Darauf könnten wir bei unserer Freizeitgestaltung achten.

Termindruck schnürt uns das Lebensgefühl ab und das führt auf Dauer in die Angst.

 

g. Entscheidung gegen die Angst

 

Eine sehr kraftvolle Maßnahme ist die radikale und konsequente Entscheidung, Angst nicht mehr zuzulassen, sobald man die Mechanismen der Angst verstanden hat. Es geht hier darum, sich von seiner Angst nicht mehr alles gefallen zu lassen. Und dann – eine Stufe weiter – sich eben prinzipiell gegen sie zu entscheiden, sobald zu spüren ist, dass sie sich anschleicht. Ich mache mir bewusst, dass da Angst ist und weise sie entschieden vom Platz, da ich nun weiß, dass ihre Einflüsterungen maßlos übertrieben sind.

 

Ich bleibe besonnen, konzentriere mich auf meine Stärke und richte mich auf eine positive Entwicklung aus.

 

Die Vorstellung, sich erfolgreich gegen die Angst entscheiden zu können und ihr nicht hilflos ausgeliefert zu sein, mag zunächst

befremdlich wirken. Aber es ist möglich. Man kann das ausprobieren und sehen, dass man Erfolg damit haben kann.
Unser ganzes Leben besteht aus Entscheidungen. Wir treffen bewusste Entscheidungen, große Entscheidungen und kleine unbewusste bis dahin, ob wir aufstehen oder sitzenbleiben, ob wir den Arm heben oder nicht.


Nutzen wir diese Entscheidungskraft, die jeder Mensch besitzt, um uns gegen die Angst zu entscheiden!

 

h. Spiritualität und Angst

 

Vergessen will ich nicht, dass auch in religiösen und spirituellen Lehren kraftvolle Unterstützung gegen die Angst gefunden werden kann, selbst wenn insbesondere in den institutionalisierten Religionen, aber auch in anderen spirituellen Ausrichtungen und bis in die Familien und in die Erziehung hinein, im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende einiges fürchterlich schief gelaufen ist.
Angst wurde und wird immer wieder noch auch im religiösen Kontext weltweit als Druckmittel eingesetzt. Die spirituellen Lehren erfuhren im Verlauf ihres Bestehens eine massive, Ängste auslösende Verzerrung, sodass damit Macht ausgeübt werden konnte. 

Doch haben sie, wenn wir die Lehren richtig verstehen,  ebenso das Potential,  das Leben positiv zu unterstützen, es zu bejahen und der Angst damit entgegen zu wirken.

 

i. Aus der Kraft der Liebe leben

 

Im ersten Beitrag zur Angstbewältigung erwähnte ich, dass das Gegenteil von Liebe Angst sei. Somit ist andersherum das Gegenteil von Angst: Liebe. Liebe in ihrer umfassendsten Form. 
Gegenteile schließen einander aus. Wo das eine ist, kann das andere nicht sein. Das bedeutet, dass, je mehr wir in der Kraft der Liebe sind und aus ihr heraus leben, Angst bei uns keinen Raum finden kann. Liebe bedeutet in Bezug auf das Leben allgemein, es zu akzeptieren, wie es ist mit seinen schönen und seinen häßlichen und schwierigen Seiten, und letztere nicht mit Groll und Unversöhn-lichkeit abzulehnen, sondern mit Mitgefühl nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen.

 

Wie kann das noch konkreter verstanden werden? 

 

Neben den verschiedenen Formen der zwischenmenschlichen Liebe - Eltern-Kind-Liebe, partnerschaftliche Liebe, Geschwisterliebe, Freundesliebe etc. -  gibt es die Liebe zur Natur, zu künstlerischem Ausdruck, zum Beruf und anderen Tätigkeiten.  Ebenso können uns spezielle Werte am Herzen liegen, wie z. B. Toleranz, Freundschaft, Humor, achtsamer Umgang mit anderen, Vertrauen, und anderes in diese Richtung.

 

Wir sind uns oft dessen viel zu wenig bewusst, welche Bereiche für uns wirklich wichtig und wertvoll sind und dass wir sie deswegen lieben. Vieles von diesen Bereichen ist für uns ganz normal und selbstverständlich geworden, sodass wir ihre Wichtigkeit für uns nicht mehr erkennen. Wir merken höchstens, wenn sie wegfallen oder irgendwie abhanden kommen, wie viel Wert sie für uns hatten. Solange wir sie für selbstverständlich nehmen, sehen wir immer nur das, was nicht funktioniert, was wir nicht haben, was noch besser sein könnte. Das heißt: Wir sind sehr viel ‚dagegen‘ und sehen nicht mehr ‚wofür‘ wir sind. Das lässt die Welt und das Leben eher negativ erscheinen und bildet damit einen Nährboden für Angst. Ebenso wenn wir uns selber immer wieder kritisieren und dadurch uns selbst oder Teilbereiche von uns ablehnen, sind wir unser eigener Gegner. Dass hieraus Angst erwachsen kann, ist nahezu logisch.

 

Deshalb der Hinweis, den wir an uns selbst richten sollen: „Guck doch mal, wo überall du dagegen bist. Wie wäre es, wenn du weniger dagegen wärest? Probiere erst einmal hier und da und dann nach und nach immer mehr, das Positive an dir selbst oder an einer Gegebenheit zu wahrzunehmen. Schau viel mehr auf das Gute und Schöne.

Viel auf das Gute und Schöne zu schauen, das im eigenen Leben vorhanden ist trotz mancher Schwierigkeiten, und das überhaupt in der Welt ist, gibt dem Geist Nahrung und bringt ihn in positive Schwingung. Da wo Positivität vorherrscht, hat Angst keinen Raum.

 

Auch verwechseln wir Liebe viel zu häufig mit Lust. Lust ist unbeständig und kann sich schnell in Unlust verwandeln.

Die Frage sollte lauten: "Was ist es, das ich wirklich liebe? und nicht nur: Was bereitet mir Lust?" - Wenn wir wirklich lieben, dann engagieren wir uns auch ernsthaft dafür. Wir wollen das 'Geliebte' erreichen und halten. In diesem Prozess hat Angst keinen Platz.

Liebe hilft, Angst zu überwinden.

 

 © Ruth Scheftschik