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Ur- Sehnsucht - Der Zusammenhang zwischen Sehnsucht und Spiritualität

 

"Am Grunde unseres Seins liegt eine Sehnsucht, die dermaßen unstillbar ist, dass sie nichts anderes meinen kann als Gott."
(V.E. Frankl)

 

Wir können zu diesem Ziel der Sehnsucht anstatt Gott auch Atman, Großer Geist, Nirwana, All-Einheit, Allah, Urgrund des Seins, Quelle allen Lebens und andere Begriffe sagen. Meistens projizieren wir diese Sehnsucht auf Ziele innerhalb der Welt, insbesondere auf unseren Partner/unsere Partnerin. Sie alle können diese Sehnsucht niemals wirklich stillen, da alle Lebewesen und alles andere dieser Welt der Polarität unterliegen und daher wechselhaft in ihrem Verhalten sein können, veränderlich und vergänglich sind.

 

All unser Sehnen gilt letztlich einem ununterbrochenen, ewigen Glücklichsein; nach Sicherheit und Geborgenheit; nach gleichbleibender, bedingungsloser Liebe, der gegenüber wir so sein können, wie wir sind und die uns auch so annimmt;  nach Unsterblichkeit (also ewigem Leben).

All das erhoffen wir uns durch unsere Projektion auf Menschen, Tiere, materielle Güter.


Woher kommt nur dieses Sehnen? Ist es ein Überbleibsel aus unserer Kindheit? Ein romantisches Sehnen nach einer heilen Kinderwelt, in der wir noch nichts vom Elend dieser Welt wussten? Oder eine Sehnsucht nach dieser heilen Kinderwelt, gerade weil wir in schwierigen Verhältnissen aufwuchsen und uns Geborgenheit fehlte? Wir wissen: Wenn Kinder weder Liebe noch emotionale Unterstützung erhalten, können sie sich nicht harmonisch entwickeln.

 

Die Wurzeln der Ur-Sehnsucht gehen sehr viel tiefer. Wir wissen bereits von den Frühmenschen in der Steinzeit, dass sie ein intuitives Ahnen von einer Welt hinter der Welt hatten, das sie bald durch symbolische Bilder und Figuren ausdrückten.

Das war der Anfang des Ausdrucks einer spirituellen Veranlagung im Menschen.

 

Es tauchte erst unbewusst und später dann bewusst die Frage auf, ob es nicht doch möglich sein könnte, dass der Mensch mehr ist als nur ein Körper, dessen Gehirn ein Bewusstsein hervorbringt und der permanent den Unwägbarkeiten der Welt  ausgesetzt ist? Oder ob es nicht auch andersherum sein könnte, dass eine übergeordnete Kraft, ein übergeordnetes Bewusstsein den Körper mitsamt dem Gehirn entstehen läßt und die gesamte Materie verursacht? Das läßt ein ganz
anderes Weltbild entstehen und gibt auch eine umfassendere Basis für unser Handeln als die bisherige, gängige Weltsicht.

 

Dieses verursachende Bewusstsein, diese Kraft, diese Energie könnte auch als Geist bezeichnet werden. Der Begriff ‚Geist‘ ist in diesem Sinne nicht zu verwechseln mit dem mentalen Verstand. (Zur Unterscheidung wird häufig die verursachende geistige Energie in GROßBUCHSTABEN  geschrieben im Unterschied zum mentalen Verstand, der auch als 'Geist' in Kleinbuchstaben geschrieben wird.)

Letzterer ist dann eine begrenzte Folge des verursachenden GEISTES. Unter dieser Voraussetzung ist das Gehirn nicht die Quelle des GEISTES, sondern lediglich der Übersetzer bzw. der Transformator von GEISTIGER Energie ins Materielle.

 

Seit es Menschen gibt, gibt es Spiritualität und auch heute noch spielen weltweit Religionen und Spiritualität eine immense Rolle. Den Materialismus der westlichen Welt könnte man als Religionsersatz bezeichnen.

 

Spiritualität an und für sich ist formlos. Was wir als Religionen bezeichnen, ist Spiritualität, die wir in eine Form gepresst haben. Dabei bleiben immer wieder wichtige Aspekte der Spiritualität ausserhalb der Form und finden keine Beachtung.
Das heißt nicht, dass Religionen uns nichts Bedeutendes zu sagen hätten. Sie sind auch ein Versuch, das Formlose beschreiben zu können. Aber ihre Formen können dazu beitragen, dass vieles vom Bedeutenden übersehen wird, weil zu sehr die Form betont wird, anstatt der Inhalt.

 

Der Dalai Lama sagte einmal:

 

Mögen alle Religionen in ihrer äußeren Form recht unterschiedlich sein, vergleicht man ihre Kernaussagen, dann ist zu erkennen, dass es ums Selbe geht: Jeder Mensch trägt tief in sich eine Ahnung an eine andere Sphäre des Seins, die zeitlich und räumlich nicht begrenzt sondern unendlich ist und in der Frieden, Harmonie und bedingungslose Liebe die Atmosphäre bilden."

 

Demnach ruht auch in den tiefsten seelischen Ebenen eines äußerlich gnadenlosen Egozentrikers diese Ur-Sehnsucht.

 

In diesem Zitat können wir eine Erklärung finden dafür, woher unser tiefes Sehnen nach unbegrenzter Harmonie, Liebe, Frieden und Freude kommt, das im Grunde seit Anfang der Menschheit besteht und sogar bei höher entwickelten Tieren
zu finden ist:

Diese große Sehnsucht - die Ur-Sehnsucht - scheint ein tiefes Ahnen und Erinnern zu sein an einen Zustand, von dem wir alle herkommen und in den wir eines Tages wieder zurückkehren werden.

 

So gesehen, wie in diesem Beitrag dargelegt, ist Spiritualität etwas ganz Natürliches und Selbstverständliches.

Das haben wir - ganz besonders in der heutigen Zeit - vergessen, da wir uns viel zu sehr von uns selbst entfernt und zu sehr der Materie zugewandt haben.

 

Was das Verhältnis Psychologie und Spiritualität anbetrifft, schließen sie sich im Grunde gegenseitig nicht aus.
Die psychologische Sphäre geht in die spirtuelle über. Exakter formuliert: Die Spiritualität umgreift die psychologischen Gesetzmäßigkeiten und kann durch sie hindurchwirken.

 

Entscheidet man sich dafür, sich der spirituellen Seite in sich zuzuwenden, dann beginnt zunächst meistens eine Suche, aus der ein Prozess mit ständigem Wachstumspotential entstehen kann, der es ermöglicht die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Viele hilfreiche und erfüllenden Erfahrungen können die Folge sein.

 

 © Ruth Scheftschik