Achtsamkeit und Atem

Den Begriff 'Achtsamkeit' bringen wir schnell in Zusammenhang mit fernöstlichen Traditionen wie Meditation, Buddhismus, Yoga, usw. Die von ihnen angebotene Achtsamkeitsschulung ist jedoch nur ein Element der jeweiligen Ausrichtung und kann auch unabhängig von allen anderen Bestandteilen angewandt werden, da Achtsamkeit eine Eigenschaft ist, die in allen Menschen veranlagt ist. Allerdings wird sie viel zu wenig und wenn, dann meist unbewusst, genutzt. Im Alltag sind eher die Worte 'Aufmerksamkeit' und 'Konzentration' geläufig.

 

Achtsamkeit beinhaltet jedoch mehr als diese beiden Begriffe. In ‚Achtsamkeit‘ steckt das Wort Achtung - nicht nur im Sinne von 'Vorsicht aufgepasst‘ sondern auch mit der Bedeutung von Wertschätzung und Respekt. Hier wird bereits eine wichtige Seite von Achtsamkeit deutlich:
Es geht um Wertschätzung. Somit gibt Achtsamkeit Raum, und zwar Raum zum bewertungsfreien Wahrnehmen und Sein. Sie begegnet einem Menschen oder einer Situation bewertungsfrei, ebenso den eigenen Gefühlen und Gedanken. Ihr Blickwinkel ist geweitet. Gleichzeitig nimmt sie die Dinge tief und mit großer Klarheit wahr.

 

Durch eine achtsame Haltung sind sehr viel mehr Facetten einer Person oder Situation wahr-nehmbar als sonst üblich. Wir können angemessener reagieren. Auch für sich selbst entsteht Raum, in dem während einer Situation oder Begegnung wahrnehmbar wird, was im eigenen Inneren geschieht. Dadurch können auch wir uns selbst mehr gerecht werden. Im Zustand der Achtsamkeit kann alles von einem inneren Abstand aus betrachtet werden, ohne dass eine unmittelbar stattfindende Identifikation mit den Gegebenheiten eintritt. Der Handlungsspielraum, der dann zur Verfügung steht, hat sich geweitet.

 

 

Achtsames Handeln bedeutet auch, bei einer Tätigkeit völlig  gegenwärtig zu sein und sich dabei nicht ständig in Gedanken bzgl. der Zukunft oder Vergangenheit zu verlieren. Es ist ein Zurücktreten von völliger Kopfzentriertheit. Dabei wird das Erleben tiefer und intensiver. Die einzelnen Tätigkeiten machen wieder mehr Freude. Das baut Stress ab bzw. beugt ihm vor.

 

:: Achtsamkeit einzuüben ist gerade in der heutigen schnelllebigen Zeit und wegen den häufig angespannten Arbeitsverhältnissen wichtig, um nicht deren Gepflogenheiten zu erliegen in Form von Burnout oder psychosomatischer Erkrankungen.

 

:: Einige Elemente der Logotherapie decken sich mit der Achtsamkeitspraxis. Insofern passen beide gut zusammen. Ich binde daher Elemente der Achtsamkeitsschulung je nach Situation in meine Beratungsarbeit ein. Auf Wunsch gebe ich auch detaillierte Einführungen in die praktischen Grundlagen der Achtsamkeit.

 

:: Die Achtsamkeitsschulung ist also nicht gebunden an Meditation oder Yoga, sondern kann – wenn sie verstanden ist - genau dort praktiziert werden, wo wir uns täglich aufhalten und wo wir Achtsamkeit brauchen: an jedem Ort und in jeder Situation unseres Alltagslebens.

 

 

ATEM

Ein Atemzug ist die erste selbstständige Aktion, die wir vollziehen nach der Geburt. Es ist die letzte, die wir tun werden in unserem Leben. Dazwischen liegt eine lange Zeit, in der sich un-zählige Atemzüge ereignen, ohne dass wir uns bewusst darum kümmern müssen. Der Atem kommt und geht. Wir atmen ein, wir atmen aus. Wir atmen ein, wir atmen aus … tagsüber, nachts, Jahr für Jahr.

 

Der Atem ist ganz selbstverständlich da, sodass wir ihn meist gar nicht registrieren. Wir nehmen ihn am ehesten bei außergewöhnlichen körperlichen oder psychischen Belastungen wahr. Ausserdem denken wir normalerweise nicht daran, dass der Atem eine der Säulen der Ernährung ist und unabkömmlich im Stoffwechselgeschehen: Ohne Sauerstoff keine Verbrennung und Umwandlung der Nahrungsbausteine in den Körperzellen. Für den Abtransport von Stoffwechselgiften aus den Zellen ist die Atmung ebenso von Bedeutung.

Unsichtbar ist er also eine feste Größe, die zur Körperlichkeit gehört, wie z. B. Beine, Arme, Herz, Nieren, Magen, Verdauung, Blutkreislauf (Blutdruck). Wenn wir auf diese Teile des Körpers normalerweise gut aufpassen und sie pflegen, warum sollten wir das nicht auch mit unserem Atem tun?

 

Ein unregelmäßiger oder ein zu flacher Atem vermindert die Stoffwechselleistung und hinter-lässt Schlacken im Muskelgewebe, was zu Beschwerden führen kann.  Oder das Gehirn bekommt nicht ausreichend Sauerstoff, um effizient arbeiten zu können. Alles zusammen schlägt sich auch in der emotionalen Gestimmtheit nieder.

 

Die Erfahrung zeigt, dass Emotionen und Atmung in gegenseitiger Wechselwirkung stehen.
Bei  jeder Emotion reagiert der Körper mit. Wir bekommen Herzklopfen, schwitzende Hände, Muskelzittern, rot durchblutete Gesichtshaut bei Freude usw. Eher unmerklich reagiert die Muskulatur mit unterschiedlichen Spannungszuständen, die bei negativ emotionaler Dauer-belastung als schmerzhafte Verspannungen spürbar sind. Und eben auch der Atem reagiert
und verliert den eigenen Rhythmus. Es wird nicht mehr tief in den Bauch hinein geatmet, sondern nur noch flach mit der Brust oder der Atem wird immer wieder unbewusst angehalten.

In akuten Stresssituationen wie z.B. bei einem plötzlichen Schreck merken wir, dass wir den Atem anhalten und berichten nachträglich: "Mir stockte der Atem". Bei chronischem Stress nehmen wir angehaltenen oder oberflächlichen Atem meist nicht bewusst wahr.

 

Da die Emotionen Auswirkungen auf die Atmung haben, folgt daraus, dass wir diese - auf umgekehrtem Wege - über den Atem beeinflussen, harmonisieren, können. Das bekannteste Beispiel sind die Situationen, bei denen wir sagen: „Jetzt atme erst mal ruhig durch".

:: Wenn wir erkennen, dass unregelmäßiger, unbewusster Atem leistungsmindernd ist und das Leben erschwert,  so ist es auch verständlich, dass sowohl körperliche als auch seelische Beschwerden durch einen bewussten Atem Heilung erfahren können. Es gibt im Bereich der Atmung Therapien, die darauf abzielen, entweder bei einer Erkrankung der Atmungsorgane Erleichterung zu schaffen und die Heilung zu unterstützen, oder um im Rahmen psycho-therapeutischer Arbeit den psychisch-emotionalen Wandlungprozess zu fördern.

 

Doch auch für den alltäglichen Gebrauch stehen etliche und vorallem einfache Übungen zur Verfügung, die sich jeder aneignen kann. Wir können sie nach Belieben anwenden: Entweder immer wieder einmal kurz zwischendurch ein paar Minuten und häufig sogar von anderen Menschen unbemerkt. Oder wir nehmen uns abends oder am Wochenende ein wenig mehr Zeit, um eine längere Übungssequenz durchzuführen, so wie andere Menschen z. B. Yoga machen oder zum Joggen gehen.

 

Ein ausgeglichener Atem entspannt Körper und Seele, beruhigt und erfrischt den Geist.


Beispiele für Übungsbücher für bewussten Atem mit CD:

  • Atmen - jetzt! - Lucia Nirmala Schmidt - Nymphenburger *)
  • Meditation - Marie Mannschatz - Gräfe und Unzer (GU)

ohne CD:

  • Atem-Entspannung; Soforthilfe bei inneren und äußeren Spannungen; über 70 einfache Übungen zum Lockerwerden - Heike Höfler - Trias  (auch als E-Book)
  • Atem-Techniken; zahlreiche einfache Atem-Übungen zur Selbstheilung, Verjüngung und Harmonisierung - Markus Schirner - Schirner-Verlag (Stb)
  • Atem und Bewegung; Theorie und 111 Übungen - Norbert Faller - Springer-Verlag

       *) mit einer sehr guten Einführung zum Thema 'Atem' und auch Achtsamkeit